Die Kattendorfer Kammerspieler

Die Kattendorfer Kammerspieler 

sind eine im Jahr 2016 gegründete Gruppe des Vereins. Entstanden sind die Kammerspieler aus einer Idee der hochdeutschen Gruppe Twilight, bei denen lange schon der Gedanke einer Art ,,Studiobühne“ im Raum schwebte. 

So hoben sich die Kattendorfer Kammerspieler aus der Taufe und machten sich daran etwas Neues umzusetzen und sich an das klassische Theater zu wagen.

Es entwickelte sich ein zusätzliches Angebot für all jene Zuschauer, die den Weg in Richtung eines klassischen, avantgardistischen, gesellschaftliche und politische Fragen aufgreifenden Theaters mitgehen wollen. 

Aufgeführt wird unter der Leitung von Rainer Hansen 2 mal im April. Etwa 2 Monate vorher beginnt eine intensive Probezeit, die individuell in der Gruppe abgestimmt wird. 

 

Die Verwandlung

frei nach, doch in großem Respekt vor Franz Kafka

 „Gregor Samsa … fand sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“, so beginnt Franz Kafkas Erzählung. Der Satz zählt zu den berühmtesten der Weltliteratur und enthält im Kern die gesamte Ästhetik Kafkas: das Rätselhafte, die Abgründigkeit einer trügerisch-sicheren, mit extremer Präzision verdichteten Sprache, den Schrecken und das Absurde und Groteske auf der Kehrseite der Realität.

Was passiert, wenn der uns nahe stehende, am Herzen liegende Mensch sich (ver)wandelt, nutzlos wird, unser ästhetisches Empfinden provoziert, (sich) entstellt? Bleibt dann die Liebe stark genug? Halten wir der Konfrontation mit dem „Verwandelten“ stand?

Traum und Wirklichkeit, Schein und Sein verschränken sich in der Erzählung - und in der aktuellen Inszenierung der „Kammerspieler“ - zu jener einzigartigen Welt- und Selbstwahrnehmung, für die der Ausdruck „kafkaesk“ erfunden wurde. Dies spiegelt sich auch in dem von Bernd Ulrich und Jürgen Fock entworfenen Bühnenbild wider: „Podest und Käfig zugleich“ (so Bernd Ulrich).

In Anlehnung an Kafkas „Verwandlung“, mit Bezug auf unsere Lebenswirklichkeit des 21. Jahrhunderts, transformiert diese aktuelle Inszenierung die Erzählung in ein Drama, das sich auf das Verhältnis des Außenseiters Gregor zu Familie und Gesellschaft konzentriert, ohne dabei die thematische Vielschichtigkeit des Originals aus den Augen zu verlieren.

Sie erwartet ein spannender, provozierender, zum Nachdenken anregender Theaterabend.

Die Mitwirkenden

auf der Bühne:

Gregor Mona Müller
Siegfried Samsa Juan José Cortés Alor
Kriemhild Samsa Susanne Krause
Beckmann Helmut Rodde-Worm

 

hinter, unter und über der Bühne:

Film, Videos, Trailer und Toneinspielungen Saskia Serwotka
Bühnenbau und -architektur Bernd Ulrich und Jürgen Fock
Lichtsetzung und –gestaltung Holger Ahlrichs
Nachrichtensprecher: Karsten Harms Karsten Harms
Dramaturgie Heidi Lassen und Karsten Harms
Souffleuse Heidi Lassen
Requisite Ingrid Dill und Elfi Rau
Plakat- und Flyergestaltung Nicole Dill
Text Rainer Hansen
Regie Rainer Hansen

 


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Die Kammerspieler in Kiel - Unser erstes Auswärtsspiel!

 

Sonntag, 05.03.2017. 11 Uhr: Das Auswärtsspiel beginnt. Vom Kieler Hafen dringt trotz des Sonntags geschäftiges maritimes Treiben. In Kattendorf ist es irgendwie heimeliger. Wir laden die überschaubare Requisite  aus und bauen unser Bühnenbild selbst auf. Der von Bernd Ulrich entwickelte Bausatz ist idiotensicher. So müssen sich Rockbands fühlen, die im Tourneebus unterwegs sind.

12.30 Uhr: Soundcheck, Lichtsetzung, erster Durchlauf. Die Laufwege sind ein wenig anders. Teilweise kommt mir der Text unbekannt vor. Standen einige Darsteller im TiK nicht anders? Egal. Bloß die anderen die eigene Panik nicht anmerken lassen. Torge Gebhardt, Urgestein des KulturForums und in der Licht- und Tonszene Kiels so etwas wie ein Mythos, setzt ohne Vorproben das Licht meisterhaft und kommentiert unseren ersten Durchlauf nicht. Da ich ihn schon länger kenne, weiß ich: erster Ritterschlag für uns.

15 Uhr: Die meisten von uns leiden unter Überzuckerung angesichts der süßwarenlastigen Mitbringsel. Einzelszenen werden nachjustiert, warum bin nur ich ständig auf der Toilette? Die Truppe zieht in die Innenstadt, Grit kobert in bester Reeperbahn-Manier überforderte Touristen in die Abendvorstellung. Heidi und ich sind die Stallwache.

17 Uhr: Vorverkaufszahlen werden gecheckt, die Bestuhlung des Saales beginnt. Warum sind die Darsteller so abgeklärt und selbstbewusst? Klar, sie wissen, was sie können. Es wird sich geschminkt, Witze gerissen, der Zug ist nicht mehr zu stoppen. 

18 Uhr: Die ersten Freunde, Kattendorfer Unterstützung (ein gutes Gefühl), Zuschauer finden sich in der Restauration ein. Ich führe Gespräche, mache Smalltalk – Filmriss – an diese Unterhaltungen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich sehe an den überteuerten Bewirtungsbelegen, dass ich aber da gewesen sein muss.

18.50 Uhr: Mona bleibt an der Kasse sitzen, ich gehe in den Saal, sitze mittendrin. Typisches Kieler Publikum: Höflich, distanziert, kritisch, aber auch offen.

19 Uhr: Warum hält Horst jetzt nicht seine Rede? Keine Galgenfrist. „Figaros Hochzeit“ startet auf den Punkt, Licht auch. Wie super sieht das denn aus? Das Bühnenbild in dieser Illumination flasht nicht nur mich. Die Gläser der Zuschauer sind gefüllt, alle gucken gebannt.

19.12 Uhr: Nicoles erster längerer Monolog, den sie meisterhaft wie eine auf zu hohe Geschwindigkeit gedrehte Sprechpuppe in perfekter Aussprache ins Publikum schleudert…Saskia (der Regieanweisung entsprechend) steht mit offenem Mund da… das Publikum auch, wenn auch sitzend…wann fällt die Stecknadel? …erster heftiger Szenenapplaus (ungewöhnlich für Kiel), alle Gläser im Publikum noch unberührt…alle Darsteller wachsen über sich hinaus.

19.55: Großer, langer Applaus, erste Schlucke werden getrunken. Pause. Keine Erinnerung daran, aber irgendwie emotional positive Schwingungen

20.10: „Schwanensee“ startet, und Nicole surft auf dem Stück einen irren Ritt in Sprache und Ausdruck, alle anderen setzen volle Bühnensegel, Zwischenapplause, mehrere magische Momente zwischen Bühne und Publikum. Jetzt ist Zuschauen nur noch Genuss und Freude.

20.45 Uhr: Juans trockenes „Geht doch“ schickt das Publikum perfekt in den Fahrstuhl zur Hölle, in die Desillusionierung. Beifall, Erleichterung, viele jungfräuliche Gläser im Publikum. Der Saal will sich nicht leeren, viele Zuschauer suchen das Gespräch mit uns, sind dankbar, berührt, zufrieden, begeistert.

Wie schön, dass so viele Kattendorfer uns vor Ort unterstützt haben (Nina, Ina, Gina, Thomas, Silke, Ingrid, Günter…) und dass das TiK uns dieses Erlebnis ermöglicht hat.

Danke sagen alle „Kammerspieler“!

Die Kammerspieler mit einer Nora-Aufführung in Kiel- Mehr ...

 Nora-Kiel

Erstes Stück wurde gleich ein Erfolg                            Segeberger Zeitung 30.04.2016

Kattendorfer Kammerspieler überzeugten mit ihren Aufführungen von Ibsens „Nora“

Von Isabelle Pantel

Kattendorf. Dass Theaterstücke in Kattendorf sehr komisch sein können, wird regelmäßig bewiesen. Aber die Mitglieder des Theatervereins kommen auch mit schwierigen und nachdenklich stimmenden Stoffen zurecht. Das zeigte sich bei den beiden Aufführungen von „Nora. Ein Puppenheim“ nach dem Schauspiel von Henrik Ibsen. Auf der Bühne standen die Kattendorfer Kammerspieler. Diese neue Gruppe feierte gleich mit ihrer ersten Inszenierung großen Erfolg.

Das dreiaktige Schauspiel stammt aus dem 19. Jahrhundert und wurde von der Theatergruppe in die heutige Zeit verlegt. Am Grundproblem der Hauptfigur Nora, gespielt von Nicole Dill, änderten die Kammerspieler allerdings nichts. Auch in der Kattendorfer Inszenierung wurde die junge Frau von ihrem Ehemann Thorvald (Juan José Cortés Alor) gnadenlos unterdrückt, in Abhängigkeit gehalten, nach Belieben geformt und somit zu einer Art Puppe und Statusobjekt degradiert.

Durch die Verlegung ins Hier und Heute machten die Kammerspieler mit Regisseur Rainer Hansen deutlich, dass Noras Probleme auch in Zeiten von Frauenwahlrecht, Quotenregelungen und Girls Days nicht überholt sind. Es gibt noch immer genügend Frauen, die über ihren Mann definiert werden und deren Aufgabe in erster Linie darin besteht, an seiner Seite eine gute Figur abzugeben. In der Kattendorfer Aufführung wurde das symbolisch durch einen Schwebebalken ausgedrückt, auf dem sich Nora mit gymnastischen Übungen fit zu halten hatte. Auf dem Balken – immer vom Absturz bedroht – verbrachte sie die meiste Zeit. Zwischenzeitlich ging es auf die Waage. Die Ergebnisse wurden von der Personaltrainerin sofort notiert und später dem Ehemann gemeldet.

Das Ibsen-Stück hatten die Kattendorfer auf 90 Minuten gekürzt. Die Handlung konzentrierte sich auf die Kernprobleme, also auf die Beziehung zwischen Nora und Thorvald. Somit waren die beiden Hauptdarsteller Nicole Dill und Juan José Cortés Alor die tragenden Säulen für den Erfolg des Stücks. Unterstützt wurden sie von Saskia Serwotka (als Christine Linde), Karsten Harms (Magnus Krogstadt), Grit Feller, die als Oda Rank sogar Szenenapplaus bekam, und Vivien Behrmann (Anastasia).

Dem Publikum verlangte der ernste Stoff einiges ab. Die Zuschauer waren aber bereit, sich darauf einzulassen. Das wurde in der Pause deutlich, als an vielen Tischen über die Handlung und ihre aktuellen Bezüge diskutiert wurde. Die Schauspieler hatten es geschafft, mit ihrer „Nora“ das Publikum in den Bann zu ziehen. Entsprechend groß fiel am Ende auch der Applaus aus.

Weil der Ausflug ins ernste Fach zunächst ein Versuch war, hatte der Theaterverein nur zwei „Nora“-Aufführungen eingeplant. Da beide ausverkauft waren, wird nun über Zusatzvorstellungen nachgedacht. Termine oder Spielorte stehen noch nicht fest.

Die Kattendorfer Kammerspieler sind aus der Gruppe Twilight hervorgegangen. Alle Akteure wirken dort weiterhin mit, hatten darüber hinaus aber den Wunsch, etwas Neues auszuprobieren. Nach dem Erfolg der „Nora“-Inszenierung steht nun fest, dass die Kammerspieler ein weiteres Projekt in Angriff nehmen werden. Nach dieser Leistung darf das Publikum darauf gespannt sein.

Nora. Ein Puppenhaus - Der Trailer auf You Tube

Die Kammerspieler in der Segeberger Zeitung

Nora-Ein Puppenhaus

Nora. Ein Puppenheim
ein Schauspiel in 3 Akten nach Henrik Ipsen

„Aber Christine, hast du ihn denn gar nicht geliebt?“ „Man muss sehen, wo man bleibt!“
Das Kattendorfer Ensemble baut in seiner Inszenierung das Szenario einer durch und durch von ökonomischen Machtverhältnissen beherrschten Beziehung auf, in der nicht mal mehr Noras Körper ihr selber gehört. Ob ihr Ehemann Thorvald ihre ständige sexuelle Verfügbarkeit verlangt oder darüber wacht, dass sie keine Süßigkeiten isst. Ob er ihr herablassend Geld in die Hand drückt oder sie vortanzen lässt. Das alles kommt schon bei Ibsen vor. Aber die Abgründe klaffen tiefer als je zuvor: Gegen die Gewalt, mit der die Nora von heute unterdrückt wird, ist die Welt der Nora des 19. Jahrhunderts fast noch ein Idyll.  
„Sexualisierte Gewalt“, nicht erst ein Thema nach der Kölner Silvesternacht, “hat viele, auch  unscheinbare, alltägliche Gesichter“, sieht Grit Feller, Darstellerin der Industriellen Rank, hier ein weiteres Thema in „Nora“ zum Ausdruck gebracht.
 
Dabei folgt die Kattendorfer Inszenierung weitgehend dem originalen Wortlaut. „Die Mechanismen von Unterdrückung und Anpassung sind zeitlos“, so Nicole Dill, die Darstellerin der Nora, „also gehört auch die Sprache Ibsens aus dem 19. Jahrhundert auf die heutige Bühne.“
Noras Puppenheim ist auf der Kattendorfer Bühne ein multimediales Gefängnis, aus dem es so leicht kein Entkommen gibt.
In der heutigen Boulevardpresse  treffen wir die Gefangenen der Puppenheime von heute: Shawne Borer-Fielding, Ariane Sommer und Naddel, die sich für ihren Dieter die Zähne ausbrechen und Brüste vergrößern ließ, wofür sie zum Dank jetzt von einem geifernden Millionenpublikum verhöhnt wird.
 Für den Darsteller des Thorvald Helmer, Juan José Cortés Alor, ist Nora „sein Objekt, er liebt nur ihre Oberfläche, er braucht sie zur Zierde und  für seine Selbstbestätigung. Er zeigt sie, führt sie vor... Er hält sich seine Frau, wie eine Trophäe.“
„Man muss sehen, wo man bleibt.“ Aber dafür jeden Preis zahlen (lassen)? Aus Respekt vor Ibsen  wird das Stück „Nora. Ein Puppenheim“ zurückhaltend modernisiert, und die Antworten, die die Figuren auf fremde Machtansprüche und eigene Lebensträume und Sehnsüchte vorleben, versprechen einen spannenden, unterhaltsamen, auch zum Nachdenken inspirierenden Abend.